10.6.07

Lektion: Unsere TV-Lernwerkzeuge

Heute wollen wir lernen, mit welchen Methoden wir in diesem Lehrbuch-Blog arbeiten.

Es gibt zwei Hauptgruppen von TV-Lernwerkzeugen für herrlich-schreckliches Fernsehen: die TV-Merkregeln und die TV-Standardsätze.

1. TV-Merkregeln
TV-Merkregeln sind das Grundwissen über herrlich-schreckliches Fernsehen. Es sind prägnante und grundlegende Aussagen über Sendungen, über die Macher und über die Zuschauer.

Jede TV-Merkregel, die Sie neu lernen, sollten Sie sich immer wieder laut vorsagen, bis Sie sie verinnerlicht haben und gar nichts anderes mehr denken können. Sie sollten aber nicht überlegen, ob eine TV-Merkregel auch wirklich stimmt. Denn das ist nicht unser Lernziel. Schließlich wollen wir hier nicht lernen zu denken - wir wollen herrlich-schreckliches Fernsehen machen!

Gleich ein paar Beispiele:
Das Fernsehen wartet auf Sie.
Sie gehören ins Fernsehen.
Sie sind das Fernsehen.
Der Zuschauer ist doof.
Der Zuschauer hat keine Ahnung von Fernsehen.


Sie merken sicher, dass sich eine TV-Merkregel aus der anderen logisch ergibt, wie eine zwingende Schlussfolgerung.

Wenn Sie zu Hause üben und sich die TV-Merkregeln immer wieder vorsagen, sollten Sie in die Ich-Form wechseln. Sie sagen also:

Ich gehöre ins Fernsehen.
Ich bin das Fernsehen.
usw.

Das verleiht uns schnell den unheimlichen Größenwahn und die widerliche Selbstverliebtheit, die so grundlegend für einen herrlich-schrecklichen TV-Macher sind.


2. TV-Standardsätze
TV-Standardsätze sind Floskeln, die jeder von uns schon hunderte von Male von Moderatoren, Talkshowgästen und anderen Fernsehleuten gehört hat. Sie hängen uns alle schon zum Hals heraus und sind von herrlich-schrecklichem Fernsehen gar nicht mehr wegzudenken. Ihre Besonderheit: Sie können sie jederzeit und so oft sie wollen einsetzen, ganz egal, was voher gerade irgend jemand gesagt hat. Die TV-Standardsätze passen immer. Nachdenken müssen Sie dabei nicht.

Beispiele:
Ein sehr beliebter Heuchel-Satz in Talkshows ist:
Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geliehen.
Ein/e überdrehte Schauspieler/in sagt:
Ich will in keine Schublade gesteckt werden.
Und ein schmieriger Showmoderator muss im Repertoire haben:
Hier in der Stadthalle in Bremen sind wir besonders gern.

Die TV-Standardsätze sind selbstverliebt, anbiedernd oder auch glatt gelogen. Wie oben erklärt, können Sie die TV-Standardsätze einsetzen, wann immer sie wollen und so oft sie wollen. Der Kontext spielt keine Rolle. Und eine penetrante Wiederholung macht sie besonders nervig. Die TV-Standardsätze sind somit für einen herrlich-schrecklichen TV-Profi ein überaus praktisches und effektives Werkzeug.

Zwei TV-Standardsätze reichen
Grundsätzlich gilt: Für jede Aufgabe, die Sie im grauenvollen Fernsehen ausüben wollen (eine bestimmte Sendung moderieren, einen bestimmten Fernsehberuf ergreifen), genügen immer zwei TV-Standardsätze, um den Job zu machen. Oder als TV-Merkregel formuliert:

Mit zwei Sätzen kommen Sie immer durch.

Beispiel 1:
Wenn Sie in einer Nachmittags-Gerichtsshow einen Zeugen spielen, genügen Ihnen folgende zwei TV-Standardsätze:

Die Schlampe lügt doch!
und
Ich wollte ihn nicht zerstückeln!

Beispiel 2:
Um auf dem Sender "9 live" zu moderieren, reichen diese beiden TV-Standardsätze:

Helga, welches Geldpaket wollen Sie?
und
ICH GLAUB ES NICHT!!

Wir wollen das eben Erlernte kurz wiederholen:
Mit zwei TV-Standardsätzen sind Sie fernsehtauglich und können vor die Kamera. Denn unsere TV-Merkregel lautet: Mit zwei Sätzen kommen Sie immer durch.

Ebenso wie die TV-Merkregeln sollten Sie auch die TV-Standardsätze bis zum Erbrechen auswendig lernen.

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