29.6.07

Lektion: Deutscher Serien-Darsteller

Heute wollen wir lernen, welche innere Einstellung Sie als deutscher Serien-Darsteller haben müssen.

Stellen Sie sich vor, Sie sind in eine deutsche Fernsehserie eingestiegen und spielen darin einen Aushilfs-Tierarzthelfer. Nun sitzen Sie in einer Talkshow und müssen über sich und Ihre neue Rolle sprechen.

Wir arbeiten hier mit zwei unserer TV-Lernwerkzeuge: den Hart-aber-unfair-Fakten und den TV-Standardsätzen.

1) Die Hart-aber-unfair-Fakten geben wieder, wie Sie über sich als Serien-Schauspieler denken.
Sie sind Ihre gedankliche Grundlage für das, was Sie in der Talkshow später dann von sich geben. Die Hart-aber-unfair-Fakten für Sie als Serien-Schauspieler lauten:

Sie sind ein verkanntes Genie.
Sie sind nicht Schauspieler - Sie sind Künstler. Das ist etwas völlig anderes.
Eine Fernsehserie ist völlig unter Ihrer Würde.
Eigentlich gehören Sie auf die Bühne. Aber jetzt müssen Sie diesen Mist spielen: Aushilfs-Tierarzthelfer.
Sie hassen Ihre Serienrolle.
Sie hassen Talkshows.
Sie hassen es, in einer Talkshow zu sitzen.
Sie hassen es ganz besonders, in dieser Talkshow zu sitzen.

Sie hassen alle anderen Gäste in dieser Talkshow.
Und weil es so wichtig ist, noch einmal:
Sie sind ein verkanntes Genie.

2) Die TV-Standardsätze geben Ihnen vor, was Sie als Serien-Schauspieler in der Talkshow alles sagen.
Sie lauten:

Ich liebe die Bühne mehr als das Fernsehen.
Ich habe meine Serienrolle mitentwickelt. (gelogen)
Ich dürfte an den Drehbüchern mitschreiben. (auch gelogen)
Ich habe mir meine Rolle erarbeitet. Ich habe in der Vorbereitung auf meine Rolle wochenlang bei Tierärzten und in Tierparks recherchiert. (alles gelogen)
Ich hasse das Schubladen-Denken in Deutschland: einmal Serien-Schauspieler, immer Serien-Schauspieler. (Und dann auch noch als Aushilfs-Tierarzthelfer. Oh mein Gott.)
Es ist mir unangenehm, wenn mich im Supermarkt oder auf der Straße Leute ansprechen. Und dann auch noch mit meinem Serien-Namen.
Ein befreundeter Drehbuchautor hat mir jetzt eine sehr, sehr anspruchsvolle Rolle für einen sehr, sehr anspruchsvollen Fernsehfilm auf den Leib geschrieben. (zu dem es aber dann doch nicht kommt)
Zu Hause mache ich ein Spezial-Yoga und schreibe Gedichte. (die aber keiner lesen will)
Im Grunde bin ich ein ganz natürlicher Mensch und laufe zu Hause auch mal in Jeans herum.

Wir wollen nun variieren und nehmen als Rollen-Beispiel anstelle eines Aushilfs-Tierarzthelfers den Assistenten eines Kriminalkommissars. Dann können wir alles lassen, wie es ist, und müssen nur einen einzigen TV-Standardsatz hinzufügen, der da lautet:

Ich mache alle meine Stunts selber.

Das nächste Mal erfahren wir, warum Sie in der nächsten Staffel nicht mehr vorkommen.

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