24.6.07

Lektion: 10 Jahre Sabine Christiansen

Heute wollen wir lernen, wie wir als Gast in einer Politik-Talkshow immer eine gute Figur machen.

Anlass für diese Lektion ist die letzte Sendung von Sabine Christiansen, die heute Abend in der ARD läuft. 10 Jahre lang zeigten uns Christiansens Gäste, wie man in einer Talkrunde brilliert.

Um uns diese Fähigkeiten anzueignen, arbeiten wir wieder mit TV-Standardsätzen, also abgedroschenen Phrasen und Platitüden. Dabei unterscheiden wir, ob wir in der Talkrunde als Politiker oder als zutiefst engagierter Künstler, also Sänger, Schauspieler u.ä. sitzen.

1) Politiker

Völlig unabhängig von der Frage des Moderators antworten wir als Politiker:

Liebe Frau Christiansen / Frau Will,
ich bin sehr froh, dass Sie mir diese Frage stellen.
Lassen Sie mich zuerst aber sagen, dass...


Sie antworten also grundsätzlich nicht auf die Frage, sondern gehen in eine völlig andere Richtung, verlieren sich im Nichts oder in einem Ihrer zweistündigen Redemanuskripte von der UNO oder dem Finanzausschuss.

Der Moderator wird aber nicht nachgeben. Jetzt setzen wir eine Sonderform der TV-Standardsätze ein, die sogenannten Applaussätze. Applaussätze sind Sätze, die wir schon tausend mal gehört haben, und nach denen - bei entsprechend starker Betonung am Ende des Satzes - das Publikum gar nicht umhin kann zu applaudieren. Wir zwingen also das Publikum zu applaudieren. Und das Publikum ist dumm genug, darauf einzugehen. Beispiele:

Blablabla ... denn ich bin der Meinung, Kinder sind unsere Zukunft.
Publikum: Applaus!

Blablabla ... denn ich bin der Meinung, wir haben die Erde von unseren Kindern nur geliehen.
Publikum: Applaus!

Blablabla ... ich kenne einige Ausländer, die nicht gewalttätig sind.
Publikum: Applaus!


Werden Sie mit einem peinlichen Zitat von Ihnen konfrontiert, sagen Sie grundsätzlich:

Das habe ich so nie gesagt.

Gibt der Moderator immer noch nicht auf, dann geht nichts über den Verweis auf Ihre persönliche Nähe zu einem elendigen Menschen. Also ein konkretes, markerschütterndes Beispiel. Sie sagen:

Fragen Sie doch mal...
und jetzt können Sie variieren:

eine alleinerziehende Krankenschwester, die nachts anschaffen geht

eine sechsköpfige Mutter mit einer Rente von 75 Cent im Jahr

einen vier Jahre alten arbeitslosen Arbeiter mit 126 Kindern

Sie schließen Ihre Argumentation dann mit dem Applaussatz:

Und das Publikum wird Ihnen das bestätigen!

Der Beifall gehört Ihnen!

2) Künstler

Als Künstler haben Sie es leicht, denn Sie stehen in keiner Verantwortung, Sie unterliegen keinen Zwängen, die ein Amt mit sich bringt, Sie können die wildesten und unrealistischsten Forderungen stellen, Sie können Vorwürfe en masse erheben, kurzum: Sie können idealistisch daherlabern, was sie nur wollen. Künstler im wahrsten Sinne des Wortes und Vorbilder für uns für die Talkshow-Situation sind Leute wie z.B. der Sänger Campino von den Toten Hosen, Herbert Grönemeyer, der Schauspieler Tilo Prückner (erst kürzlich bei Christiansen) u.a.

Als Künstler in einer Talkrunde steigen Sie immer ein mit dem TV-Standardsatz:

Die Politiker reden nur, aber sie tun nichts!

Ein gewaltiges Statement! Bahnbrechend. Und jetzt geht es ans Inhaltliche. Als Künstler sind Sie - und das ist das Revolutionäre -

für mehr Gerechtigkeit
für mehr Frieden
für schöneres Wetter
gegen Meteoriten-Einschläge
gegen Vulkan-Ausbrüche
gegen Zahnschmerzen
für mehr Erdbeereis
für die Rechte von Außerirdischen
für Tom und Jerry

Und keiner wird daran zweifeln, dass Sie es besser könnten, wären Sie in einem politischen Amt.

Suchen Sie sich aus, was Sie sein wollen: Politiker oder Künstler. Mit dem Handwerkszeug dieser Lektion sind Sie in beiden Fällen bestens gerüstet für die künftigen Talkrunden bei Anne Will. Und dann heißt es:
Meine liebe Frau Will,
erlauben Sie mir, dass ich erst noch etwas sage zu...

1 Kommentar:

Starz hat gesagt…

Du hast es auf das wesentliche gebracht. Ähnlich wie der Spiegel, der von dem Ende der Christanisierung des Sonntagabends spricht.

Der gestrige Abend war aber auch in Sachen Abmoderation ein Lehrstück. Christiansen zelebriert durchgehend das Ende der kleinen Koalition der durchlauferhitzten Staatsrhetoriker. Das Ende war nicht Schweigen sondern Rosen. Weiß. Geschätzte Stillänge etwa. 125 cm. Erst auf den zweiten Blick und beim Ausbleiben der Frage "Du wollen Rose kaufen?" erkannte man: es ist der Redakteur und nicht der Pakistani vom Kiez. Auch schön wie sich Frau Christiansen nochmals daran erfreute, wie sie vor Jahren den damals noch abschreibungs- und zurechnungsfähigen CDU-Vize Merz den selbigen zerriß. Soviel Subversivität war nie im Deutschen Fernsehen!

Eine Vorschau auf neue Schrecken leistete dann Frau Will. Ihre Abschiedsfeier bei den TT war beides: clever anmoderiert und abgrundtief gefühlsduselig selbstverknallt. Die Rosen kamen zu spät, die Sätze waren zu lang, die zur Gratulation herangeeilten Maskenbildnerinnen zu unansehnlich. Da weiß man: man möchte sie nicht erleben, die eigene Beerdigung. Nicht zum ersten Mal auf dem Ersten: die Parade einer Medienanstalt, die die Gummiwände durch Spieglein an der Wand ausgetauscht hat um sich selbst zu reflektieren und dabei nur eines sieht: sich selbst...