29.6.07

Lektion: Deutscher Serien-Darsteller

Heute wollen wir lernen, welche innere Einstellung Sie als deutscher Serien-Darsteller haben müssen.

Stellen Sie sich vor, Sie sind in eine deutsche Fernsehserie eingestiegen und spielen darin einen Aushilfs-Tierarzthelfer. Nun sitzen Sie in einer Talkshow und müssen über sich und Ihre neue Rolle sprechen.

Wir arbeiten hier mit zwei unserer TV-Lernwerkzeuge: den Hart-aber-unfair-Fakten und den TV-Standardsätzen.

1) Die Hart-aber-unfair-Fakten geben wieder, wie Sie über sich als Serien-Schauspieler denken.
Sie sind Ihre gedankliche Grundlage für das, was Sie in der Talkshow später dann von sich geben. Die Hart-aber-unfair-Fakten für Sie als Serien-Schauspieler lauten:

Sie sind ein verkanntes Genie.
Sie sind nicht Schauspieler - Sie sind Künstler. Das ist etwas völlig anderes.
Eine Fernsehserie ist völlig unter Ihrer Würde.
Eigentlich gehören Sie auf die Bühne. Aber jetzt müssen Sie diesen Mist spielen: Aushilfs-Tierarzthelfer.
Sie hassen Ihre Serienrolle.
Sie hassen Talkshows.
Sie hassen es, in einer Talkshow zu sitzen.
Sie hassen es ganz besonders, in dieser Talkshow zu sitzen.

Sie hassen alle anderen Gäste in dieser Talkshow.
Und weil es so wichtig ist, noch einmal:
Sie sind ein verkanntes Genie.

2) Die TV-Standardsätze geben Ihnen vor, was Sie als Serien-Schauspieler in der Talkshow alles sagen.
Sie lauten:

Ich liebe die Bühne mehr als das Fernsehen.
Ich habe meine Serienrolle mitentwickelt. (gelogen)
Ich dürfte an den Drehbüchern mitschreiben. (auch gelogen)
Ich habe mir meine Rolle erarbeitet. Ich habe in der Vorbereitung auf meine Rolle wochenlang bei Tierärzten und in Tierparks recherchiert. (alles gelogen)
Ich hasse das Schubladen-Denken in Deutschland: einmal Serien-Schauspieler, immer Serien-Schauspieler. (Und dann auch noch als Aushilfs-Tierarzthelfer. Oh mein Gott.)
Es ist mir unangenehm, wenn mich im Supermarkt oder auf der Straße Leute ansprechen. Und dann auch noch mit meinem Serien-Namen.
Ein befreundeter Drehbuchautor hat mir jetzt eine sehr, sehr anspruchsvolle Rolle für einen sehr, sehr anspruchsvollen Fernsehfilm auf den Leib geschrieben. (zu dem es aber dann doch nicht kommt)
Zu Hause mache ich ein Spezial-Yoga und schreibe Gedichte. (die aber keiner lesen will)
Im Grunde bin ich ein ganz natürlicher Mensch und laufe zu Hause auch mal in Jeans herum.

Wir wollen nun variieren und nehmen als Rollen-Beispiel anstelle eines Aushilfs-Tierarzthelfers den Assistenten eines Kriminalkommissars. Dann können wir alles lassen, wie es ist, und müssen nur einen einzigen TV-Standardsatz hinzufügen, der da lautet:

Ich mache alle meine Stunts selber.

Das nächste Mal erfahren wir, warum Sie in der nächsten Staffel nicht mehr vorkommen.

27.6.07

Lektion: Best of... Dieter Bohlen


Heute wollen wir lernen, wie es ist, von Dieter Bohlen gedemütigt zu werden.

Der Musikproduzent wird am kommenden Samstag in der Jury von "Let's Dance" (RTL) sitzen und Ute Lemper vertreten, die wegen eines Konzerttermins in Rostock sein muss. Für uns ist das eine Gelegenheit, ein "Best of Bohlen" zusammenzustellen und uns an einigen seiner hübschesten Kommentare aus "Deutschland sucht den Superstar" zu erfreuen:

Der Nachteil von dir ist, dass du keinen Vorteil hast.

Die Stimme, die du hast, reicht vielleicht zum Eier-Abschrecken.

Es waren viele Schlechte da. Du warst noch schlechter.

Wenn du bei mir im Keller singst, würden die Kartoffeln freiwillig geschält nach oben kommen.

Du bist wie eine Wolke. Wenn du dich verziehst, könnte es noch ein schöner Tag werden.

Du hast ein göttliches Problem: Der liebe Gott gibt einigen Frauen dicke Möpse, anderen eine schlechte Stimme. Und dir hat er nun mal eine schlechte Stimme gegeben.

Ich sah früher immer so aus, wenn meine Mutter mir Zäpfchen in den Hintern geschoben hat.

Wenn schlechte Stimmen fliegen könnten, wärst du ein Satellit.

Du bewegst dich wie ein angeschossenes Wildschwein.

Wenn ich meinem Hund eine Currywurst in den Arsch schiebe, dann macht er auch solche Geräusche wie du.

Das Positive an dir ist: Du kannst auch nichts mehr verlieren.

Das war noch lustig. Das nächste Mal lernen wir Sprüche, die richtig verletzen.

25.6.07

Lektion: Im Namen des Fernsehens: Gerichtsshows

Heute wollen wir lernen, warum die Nachmittags-Gerichtsshows so gut sind.

Hierfür führen wir ein neues TV-Lernwerkzeug ein: die Hart-aber-unfair-Fakten.

Hart-aber-unfair-Fakten sind Informationen, die uns alles Wissenswerte und vor allem Schreckliche über einen bestimmten Sachbereich im Fernsehen mitteilen.

Für die Gerichtsshows lauten die wichtigsten Hart-aber-unfair-Fakten:

Alle Personen sind die wirklichen Menschen aus echten Fällen, und keine Schauspieler. Denn kein Schauspieler kann so schlecht spielen.

Die Angeklagten und Zeugen arbeiten außerdem als Modelle für Fahndungsfotos und als Vorlage für Playmobil-Figuren.

Die Sekretärin von Richter Hold spielt bei der Salesch immer die Nutte.

Das war ein Blick hinter die Kulissen von den Gerichtsshows. Das nächste Mal lernen wir, warum es bisher nicht gelang, Barbara Salesch hinter Schloss und Riegel zu bringen.

Foto (c) Constantin Entertainment, SAT.1

24.6.07

Lektion: 10 Jahre Sabine Christiansen

Heute wollen wir lernen, wie wir als Gast in einer Politik-Talkshow immer eine gute Figur machen.

Anlass für diese Lektion ist die letzte Sendung von Sabine Christiansen, die heute Abend in der ARD läuft. 10 Jahre lang zeigten uns Christiansens Gäste, wie man in einer Talkrunde brilliert.

Um uns diese Fähigkeiten anzueignen, arbeiten wir wieder mit TV-Standardsätzen, also abgedroschenen Phrasen und Platitüden. Dabei unterscheiden wir, ob wir in der Talkrunde als Politiker oder als zutiefst engagierter Künstler, also Sänger, Schauspieler u.ä. sitzen.

1) Politiker

Völlig unabhängig von der Frage des Moderators antworten wir als Politiker:

Liebe Frau Christiansen / Frau Will,
ich bin sehr froh, dass Sie mir diese Frage stellen.
Lassen Sie mich zuerst aber sagen, dass...


Sie antworten also grundsätzlich nicht auf die Frage, sondern gehen in eine völlig andere Richtung, verlieren sich im Nichts oder in einem Ihrer zweistündigen Redemanuskripte von der UNO oder dem Finanzausschuss.

Der Moderator wird aber nicht nachgeben. Jetzt setzen wir eine Sonderform der TV-Standardsätze ein, die sogenannten Applaussätze. Applaussätze sind Sätze, die wir schon tausend mal gehört haben, und nach denen - bei entsprechend starker Betonung am Ende des Satzes - das Publikum gar nicht umhin kann zu applaudieren. Wir zwingen also das Publikum zu applaudieren. Und das Publikum ist dumm genug, darauf einzugehen. Beispiele:

Blablabla ... denn ich bin der Meinung, Kinder sind unsere Zukunft.
Publikum: Applaus!

Blablabla ... denn ich bin der Meinung, wir haben die Erde von unseren Kindern nur geliehen.
Publikum: Applaus!

Blablabla ... ich kenne einige Ausländer, die nicht gewalttätig sind.
Publikum: Applaus!


Werden Sie mit einem peinlichen Zitat von Ihnen konfrontiert, sagen Sie grundsätzlich:

Das habe ich so nie gesagt.

Gibt der Moderator immer noch nicht auf, dann geht nichts über den Verweis auf Ihre persönliche Nähe zu einem elendigen Menschen. Also ein konkretes, markerschütterndes Beispiel. Sie sagen:

Fragen Sie doch mal...
und jetzt können Sie variieren:

eine alleinerziehende Krankenschwester, die nachts anschaffen geht

eine sechsköpfige Mutter mit einer Rente von 75 Cent im Jahr

einen vier Jahre alten arbeitslosen Arbeiter mit 126 Kindern

Sie schließen Ihre Argumentation dann mit dem Applaussatz:

Und das Publikum wird Ihnen das bestätigen!

Der Beifall gehört Ihnen!

2) Künstler

Als Künstler haben Sie es leicht, denn Sie stehen in keiner Verantwortung, Sie unterliegen keinen Zwängen, die ein Amt mit sich bringt, Sie können die wildesten und unrealistischsten Forderungen stellen, Sie können Vorwürfe en masse erheben, kurzum: Sie können idealistisch daherlabern, was sie nur wollen. Künstler im wahrsten Sinne des Wortes und Vorbilder für uns für die Talkshow-Situation sind Leute wie z.B. der Sänger Campino von den Toten Hosen, Herbert Grönemeyer, der Schauspieler Tilo Prückner (erst kürzlich bei Christiansen) u.a.

Als Künstler in einer Talkrunde steigen Sie immer ein mit dem TV-Standardsatz:

Die Politiker reden nur, aber sie tun nichts!

Ein gewaltiges Statement! Bahnbrechend. Und jetzt geht es ans Inhaltliche. Als Künstler sind Sie - und das ist das Revolutionäre -

für mehr Gerechtigkeit
für mehr Frieden
für schöneres Wetter
gegen Meteoriten-Einschläge
gegen Vulkan-Ausbrüche
gegen Zahnschmerzen
für mehr Erdbeereis
für die Rechte von Außerirdischen
für Tom und Jerry

Und keiner wird daran zweifeln, dass Sie es besser könnten, wären Sie in einem politischen Amt.

Suchen Sie sich aus, was Sie sein wollen: Politiker oder Künstler. Mit dem Handwerkszeug dieser Lektion sind Sie in beiden Fällen bestens gerüstet für die künftigen Talkrunden bei Anne Will. Und dann heißt es:
Meine liebe Frau Will,
erlauben Sie mir, dass ich erst noch etwas sage zu...

23.6.07

Lektion: Die letzten Talkshow-Themen

Heute wollen wir lernen, welche Talkshow-Themen es am Nachmittag bisher noch nicht gab.

Von den vielen Nachmittags-Talkshows sind nur noch zwei in unserem Lehrplan, äh im Programm: "Die Oliver Geissen Show" (RTL) und "Britt" (SAT.1), jeweils um 13 Uhr. Das muss uns nicht verwundern. Denn die meisten der Schmuddel-Gäste stehen mittlerweile in den Justizshows vor Gericht oder sind in der Psychiatrie bei Angelika Kallwass.

Aber für Oliver Geissen und Britt wird immer noch Nachschub gebraucht. Viele der momentanen Themen sind Variationen vorhergehender Sendungen, z.B. das Thema "Mein Mann wird immer fetter!" wurde wieder aufgegriffen in der Sendung "Gestern hab ich ihn geschlachtet!". Und "Du Schlampe!" erfuhr seine inhaltliche Fortführung in "Du Mega-Schlampe, du!!!".

Wir aber wollen heute die Talkshow-Themen finden, die es noch nie gab. Das sind nur noch ganz wenige. Die folgenden fünf Themen sollen Ihnen bei Ihren eigenen Überlegungen als Anregung dienen:

Meine Schwiegermutter schlägt mich,
und es macht mir Spaß!

Mein Busen kann Gedichte aufsagen.

Ich kotze auch nach hinten.

Hilfe Britt, Oliver Geissen hat mein Leben zerstört!

und schließlich noch:
Britt muss zerstört werden!

Wir sehen uns dann alle um 14 Uhr vor Gericht wieder.

20.6.07

Lektion: Soziales Fernsehen

Heute wollen wir lernen, warum wir den Zuschauern die schrecklichen Bilder von Gülcan und von Barbara Becker mit Sohn (beides Pro7) nicht vorenthalten dürfen.

Auch wir als künftige herrlich-schreckliche TV-Profis haben eine Verantwortung. Die Verantwortung, die Kamera genau dort hin zu halten, wo viele von uns nur all zu gern weg sehen würde, weil die Bilder und auch der Ton fast nicht zu ertragen sind. Die Rede ist von Gülcan (Viva-Moderatorin), und von Barbara Becker mit ihrem Sohn Noah. Die eine - Gülcan - befindet sich in ihren Hochzeitsvorbereitungen, der andere - Noah - in der Pubertät. Zwei Doku-Sendungen über dieses doppelte, unermessliche Elend - "Gülcans Traumhochzeit" und "We are Family" - waren gestern auf Pro 7 unmittelbar hintereinander im Hauptabendprogramm zu sehen. Pro 7 kann für dieses soziale Engagement gar nicht genug gelobt werden.

Bomben in Irak, Hunger in Afrika, Pflegenotstand in Deutschland - Das kennt jeder, und es erschreckt niemanden mehr. So etwas zu senden ist leicht. Dazu gehört kein Mut. Aber den Horror von Gülcan (mit Verlobtem Sebastian) und von Noah (mit Mutter Barbara Becker) zu dokumentieren, ist soziales Fernsehen, wie es ehrenwerter und engagierter nicht sein kann. Denn: Dieses nervtötende, schwachsinnige und unerträgliche Endlos-Gequatsche hält kein normaler Mensch aus. Für uns als künftige herrlich-schreckliche TV-Macher ist das absolutes Vorbild-Fernsehen. Hinschauen statt wegsehen, senden statt wegwerfen, den Zuschauer quälen statt verschonen.

Daraus ergeben sich für uns drei neue TV-Merkregeln, die wir jetzt in unser Arbeitsheft übertragen wollen. Sie lauten:

Schlimme Sendungen über Gülcan und über Barbara Becker mit Sohn nennen wir "Soziales Fernsehen".

Soziales Fernsehen ist unerträgliches Fernsehen.

Unerträgliches Fernsehen ist gutes Fernsehen.


Natürlich sind nicht alle Fälle im sozialen Fernsehen gleich so schlimm wie die von Gülcan und Barbara/Noah Becker. Das Entsetzen ist hier extrem, der Horror kaum zu überbieten. Manch einer von uns mag sich fragen, wo denn da nur Gott ist. Und warum er so etwas nicht verhindert. Darauf gibt es wohl keine Antwort. Umso wichtiger ist aber, dass wir als künftige herrlich-schreckliche TV-Profis die Augen nicht davor verschließen und diese Dinge allesamt senden.

Wir fassen diese Erkenntnisse in einer weiteren TV-Merkregel zusammen:

Gesendet wird alles.

Alles, also auch kaum ertragbares Grauen wie in unserem Beispiel Barbara Beckers Pubertäts-Gequatsche und Gülcans Irrenhaus-Hochzeit.

Das nächste Mal lernen wir, warum der Fernseher explodiert, wenn die Gülcan-Sippschaft zu den Beckers zu Besuch kommt.

Fotos Copyright (c) ProSieben Television GmbH

18.6.07

Lektion: Schlimmer ist besser

Heute wollen wir lernen, die Grenzen des guten Geschmacks zu überschreiten.

In der vorhergehenden Lektion haben wir die TV-Merkregel gelernt:
Es gibt nichts Geschmackloses, außer man sendet es.

Durch logische Ableitung erhalten wir zwei weitere TV-Merkregeln, die uns auch eine Orientierungshilfe sein sollen, wenn wir Programminhalte gestalten. Für unsere Sendungen, die wir als künftige herrlich-schreckliche TV-Profis ins Leben rufen, soll gelten:

Schlimmer ist besser.
und
Es geht immer noch schlimmer.

Wir wollen kurz wiederholen:
Schlimmeres Programm ist also besser als weniger schlimmes. Und in Sachen "schlechter Geschmack" sollten wir immer noch eins drauf setzen.

Gehen wir gleich in die Praxis und üben die beiden neuen TV-Merkregeln am konkreten Beispiel. Aufgabe ist, die drei Sendungen

Bauer sucht Frau
Big Brother
Das Frühlingsfest der Volksmusik


noch schlimmer zu machen, als sie ohnehin schon sind. Na, haben Sie schon eine Vorstellung? Hier drei Lösungs-Möglichkeiten:

Aus Bauer sucht Frau machen wir Bauer sucht Sau.

Aus Big Brother machen wir Big Hannibal (Wer von den 10 Insassen ist kein Kannibale?).

Aus Das Frühligsfest der Volksmusik machen wir
Das Vertriebenenfest der Volksmusik.

Das nächste Mal lernen wir, warum manche Menschen Angst bekommen, wenn Florian Silbereisen moderiert.

Foto Copyright (c) Film "Das Schweigen der Lämmer" Orion Pictures Corporation

16.6.07

Lektion: Unser neues Medien-Ego

Heute wollen wir lernen, wie unser neues Medien-Ego aussieht.

Machen wir einen Sprung in Ihre bisherige Gedankenwelt.

Vielleicht dachten Sie bisher, Fernseh-Macher seien für das Fernsehen da, um gute Programme zu gestalten.
Vielleicht dachten Sie bisher, das Fernsehen sei für die Zuschauer da, um es zu informieren und zu unterhalten.
Vielleicht dachten Sie bisher, man dürfe den Zuschauern Programme nur innerhalb bestimmter Geschmacksgrenzen anbieten.
Und vielleicht waren Sie bisher sogar von Idealen getrieben und dachten, mit Fernsehen müsse man die Welt ein kleines Stückchen besser machen, im Sinne von "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es."

Welch naive, verträumte und realitätsfremde Gedankenspinnerei! Vergessen Sie das ganze Gesülze.

Als herrlich-schrecklicher TV-Profi müssen Sie sich von Ihren bisherigen Gedankenmustern trennen. Dann sind Sie frei für Ihr neues Medien-Ego. Und das wollen wir uns nun gemeinsam erarbeiten. Wir tun das mit unserem bewährten TV-Lernwerkzeug, den TV-Merkregeln.

Ersetzen Sie Ihre bisherigen idealistischen und daher falschen Gedankenmuster durch egozentrische und skrupellose Leitsätze. Als selbstgefälliger und gewissenloser TV-Profi heißt es für Sie künftig nicht "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es", sondern:

Es gibt nichts Geschmackloses, außer man sendet es.

Und das ist nur eine von vielen neuen TV-Merkregeln, die von heute an Ihr neues Medien-Ego prägen werden, und die Sie jetzt bitte in Ihr Arbeitsheft übertragen.

Wie immer ergeben sich nachfolgende TV-Merkregeln als Schlussfolgerung der vorhergehenden und bilden dann eine in sich schlüssige, logische Gedankenkette.

Ausgangspunkt ist unsere Annahme, dass Sie aufmerksamkeitssüchtig, und daher medien-, kamera- und karrieregeil sind. Das ist gut so. Daraus leiten wir nun die TV-Merkregel ab:

Sie gehören ins Fernsehen.
Wir folgern logisch:
Sie müssen ins Fernsehen.
Wobei wir immer beachten wollen:
Das Fernsehen ist für Sie da.
(und nicht umgekehrt)

Zum Zuschauer bleibt nur zu sagen:

Das Publikum ist doof
und hat keine Ahnung vom Fernsehen.


Alle TV-Merkregen laufen auf eine allumfassende, universale TV-Merkregel hinaus. Es ist die zentrale TV-Merkregel dieses Lehrbuch-Blogs überhaupt. Allein mit ihr können Sie schon 24 Stunden auf 9 live fröhlich durch senden. Sie lautet:

Sie sind das Fernsehen.

Sie können sich diese wichtigste aller TV-Merkregeln gar nicht oft genug vorsagen, und zwar immer wieder laut:

Ich bin das Fernsehen.
Ich bin das Fernsehen.


Spüren Sie schon leicht den aufkommenden Größenwahn und die widerliche Selbstverliebtheit? Sehr gut. Und immer schön weiter vorsagen: Ich bin das Fernsehen. Ich bin das Fernsehen.

Unser größten TV-Vorbilder, sei es Barbara Salesch, Michel Friedman, Andy Borg oder die komplette Irrsinns-Truppe von 9 live sind mit diesen TV-Merkregeln zu dem geworden, was sie heute sind, und sie arbeiten heute noch damit.

Das nächste Mal lernen wir, welche Medikamente uns helfen, nicht total überzuschnappen.

15.6.07

Lektion: Seien Sie... Kerner!

Heute wollen wir lernen, die Sendung "Johannes B. Kerner" zu moderieren.

Um wie Johannes B. Kerner zu sein, müssen Sie nur zwei Sätze beherrschen. Unsere beiden TV-Standardsätze für Johannes B. Kerner lauten:
Ich will
- die Bemerkung sei erlaubt, denn ich bin Journalist -
mit Ihnen ein sehr offenes Gespräch führen.

und
Ich danke Ihnen
- die Bemerkung sei erlaubt, denn ich bin Journalist -
für dieses sehr offene Gespräch.


Wir können den zweiten TV-Standardsatz erweitern zu:
Ich danke Ihnen für dieses sehr offene,
sehr persönliche und
- die Bemerkung sei erlaubt, denn ich bin Journalist -
überaus offene Gespräch.

Sie können noch einen Schritt weiter gehen und sich den folgenden Fragenkomplex von Johannes B. Kerner verinnerlichen. Am besten Sie lernen ihn auswendig. Er passt für jeden Gast.

Kerner zu Gast:

Ich möchte Ihnen gerne zwei Fragen stellen. Erstens: Warum stelle ich immer mehrere Fragen in einem Satz auf einmal, so dass kein Mensch darauf vernünftig antworten kann? Und zweitens: Warum mache ich in meinen Sätzen immer Einschübe - und diese Frage sei erlaubt, weil sie - erstens - direkt an meine vorhergehende Frage anknüpft und ich - zweitens - ein neugieriger und einfühlsamer Journalist bin - so dass die ohnehin schon schwer verständlichen Doppelfragen überhaupt niemand mehr kapiert? Und vor allem: Wieso stelle ich jetzt noch eine dritte Frage, obwohl die ersten beiden schon so dämlich waren?

Das nächste Mal lernen wir, wie wir uns noch weitere Buchstaben für Vornamen ausdenken, also z.B.

Johannes B. F. Kerner oder
Johannes B. F. H. R. T. G. L. C. U. S. Kerner usw.

Sie können ruhig schon mal üben und sich Buchstaben überlegen.

10.6.07

Lektion: Seien Sie... Beckmann!

Heute wollen wir lernen, die Sendung "Beckmann" zu moderieren.

Um wie Reinhold Beckmann zu sein, müssen Sie nur zwei Sätze beherrschen. Unsere beiden TV-Standardsätze für "Beckmann" lauten:

Ich möchte nochmal über Ihre Eltern sprechen.
und
Ich will noch einmal auf Ihre Kindheit zu sprechen kommen -
und über Ihre Eltern reden.


Das nächste Mal lernen wir, wie wir uns als Reinhold Beckmann selbst interviewen, also: Reinhold Beckmann zu Gast bei Reinhold Beckmann.

Lektion: Politiker im Wahlstudio

Heute wollen wir lernen, wie wir als Politiker im Wahlstudio auf lästige Reporterfragen antworten.

Wir veranschaulichen uns dazu folgende Situation: Sie sind Politiker einer Partei, die die Wahl eindeutig verloren hat.

Wir arbeiten wieder mit zwei TV-Standardsätzen. Egal, welche Frage der Reporter stellt, Sie antworten immer:
Zunächst einmal möchte ich feststellen,
dass wir die Wahl gewonnen haben.

und
Wir analysieren jetzt erst einmal das Wahlergebnis.

Das nächste Mal lernen wir, wie wir dem Reporter klar machen, dass er die Wahl verloren hat.

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Lektion: Unsere TV-Lernwerkzeuge

Heute wollen wir lernen, mit welchen Methoden wir in diesem Lehrbuch-Blog arbeiten.

Es gibt zwei Hauptgruppen von TV-Lernwerkzeugen für herrlich-schreckliches Fernsehen: die TV-Merkregeln und die TV-Standardsätze.

1. TV-Merkregeln
TV-Merkregeln sind das Grundwissen über herrlich-schreckliches Fernsehen. Es sind prägnante und grundlegende Aussagen über Sendungen, über die Macher und über die Zuschauer.

Jede TV-Merkregel, die Sie neu lernen, sollten Sie sich immer wieder laut vorsagen, bis Sie sie verinnerlicht haben und gar nichts anderes mehr denken können. Sie sollten aber nicht überlegen, ob eine TV-Merkregel auch wirklich stimmt. Denn das ist nicht unser Lernziel. Schließlich wollen wir hier nicht lernen zu denken - wir wollen herrlich-schreckliches Fernsehen machen!

Gleich ein paar Beispiele:
Das Fernsehen wartet auf Sie.
Sie gehören ins Fernsehen.
Sie sind das Fernsehen.
Der Zuschauer ist doof.
Der Zuschauer hat keine Ahnung von Fernsehen.


Sie merken sicher, dass sich eine TV-Merkregel aus der anderen logisch ergibt, wie eine zwingende Schlussfolgerung.

Wenn Sie zu Hause üben und sich die TV-Merkregeln immer wieder vorsagen, sollten Sie in die Ich-Form wechseln. Sie sagen also:

Ich gehöre ins Fernsehen.
Ich bin das Fernsehen.
usw.

Das verleiht uns schnell den unheimlichen Größenwahn und die widerliche Selbstverliebtheit, die so grundlegend für einen herrlich-schrecklichen TV-Macher sind.


2. TV-Standardsätze
TV-Standardsätze sind Floskeln, die jeder von uns schon hunderte von Male von Moderatoren, Talkshowgästen und anderen Fernsehleuten gehört hat. Sie hängen uns alle schon zum Hals heraus und sind von herrlich-schrecklichem Fernsehen gar nicht mehr wegzudenken. Ihre Besonderheit: Sie können sie jederzeit und so oft sie wollen einsetzen, ganz egal, was voher gerade irgend jemand gesagt hat. Die TV-Standardsätze passen immer. Nachdenken müssen Sie dabei nicht.

Beispiele:
Ein sehr beliebter Heuchel-Satz in Talkshows ist:
Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geliehen.
Ein/e überdrehte Schauspieler/in sagt:
Ich will in keine Schublade gesteckt werden.
Und ein schmieriger Showmoderator muss im Repertoire haben:
Hier in der Stadthalle in Bremen sind wir besonders gern.

Die TV-Standardsätze sind selbstverliebt, anbiedernd oder auch glatt gelogen. Wie oben erklärt, können Sie die TV-Standardsätze einsetzen, wann immer sie wollen und so oft sie wollen. Der Kontext spielt keine Rolle. Und eine penetrante Wiederholung macht sie besonders nervig. Die TV-Standardsätze sind somit für einen herrlich-schrecklichen TV-Profi ein überaus praktisches und effektives Werkzeug.

Zwei TV-Standardsätze reichen
Grundsätzlich gilt: Für jede Aufgabe, die Sie im grauenvollen Fernsehen ausüben wollen (eine bestimmte Sendung moderieren, einen bestimmten Fernsehberuf ergreifen), genügen immer zwei TV-Standardsätze, um den Job zu machen. Oder als TV-Merkregel formuliert:

Mit zwei Sätzen kommen Sie immer durch.

Beispiel 1:
Wenn Sie in einer Nachmittags-Gerichtsshow einen Zeugen spielen, genügen Ihnen folgende zwei TV-Standardsätze:

Die Schlampe lügt doch!
und
Ich wollte ihn nicht zerstückeln!

Beispiel 2:
Um auf dem Sender "9 live" zu moderieren, reichen diese beiden TV-Standardsätze:

Helga, welches Geldpaket wollen Sie?
und
ICH GLAUB ES NICHT!!

Wir wollen das eben Erlernte kurz wiederholen:
Mit zwei TV-Standardsätzen sind Sie fernsehtauglich und können vor die Kamera. Denn unsere TV-Merkregel lautet: Mit zwei Sätzen kommen Sie immer durch.

Ebenso wie die TV-Merkregeln sollten Sie auch die TV-Standardsätze bis zum Erbrechen auswendig lernen.

Begrüßung

Sie gehören ins Fernsehen. Natürlich, Sie! Warum auch nicht? Heutzutage ist jeder, aber auch wirklich jeder, im Fernsehen und sendet völlig unkontrolliert und schier unerträglich vor sich hin. Das wollen wir unterstützen und unterrichten deshalb hier, wie man herrlich-schreckliches Fernsehen macht.

Denn wie ein Günther Jauch oder eine Anne Will zu sein, ist leicht. Das kann jeder. Aber sich so dämlich wie eine Angelika Kallwass und sich so unerträglich wie ein Florian Silbereisen aufzuführen, will erst einmal gelernt sein. Auch eine Barbara Salesch hat einmal klein angefangen, bis sie dann gelernt hat, so dermaßen hochnäßig, herablassend und herrschsüchtig über ihre bescheuerte Lesebrille herab zu blicken, wie sie es jetzt tagtäglich meisterhaft praktiziert. Das ist die hohe Schule des herrlich-schrecklichen Fernsehens!

Mit dem nötigen Handwerkszeug können auch Sie das lernen. Und Sie werden sehen, schon nach ein paar Lektionen sind auch Sie fernsehtauglich und können Richter in einer Gerichtsshow, Volksmusik-Moderator und noch viel Schlimmeres sein. Dann auf zur ersten Lektion!